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Kapitän Jürgen Müller-Cyran
Zusammenfassung eines Vortrages bei Technische Universität Hamburg-Harburg am
30.November 2001.


mueller-cyran.pdf
Kpt. Jürgen Müller-Cyran

Modern soll heissen dem Zeitgeschmack entsprechend - Segelschiffsromantik  plus komfortables Leben, elegantes Aussehen und gute Segeleigenschaften,  Tradition verbunden mit zeitgemässer, fortschrittlicher Technik. Die modernen  Grosssegler sind konventionelle Segelschiffe mit anspruchsvollen Einrichtungen. Zeitgemäss,  das bezieht sich nicht auf das Rigg sondern  ist Ausdruck eines anspruchsvollen
Lebensstils an Bord mit exzellentem Service  und Spitzenküche. Die Nutzung umweltfreundlicher Energie  im Zusammenhang mit dem Erlebniswert Seefahrt  macht den Grossegler sehr attraktiv für  die Kreuzfahrt. Es gibt da noch  den Begriff der Windschiffe, was fast  etwas diskriminierend klingt und für Segler  mit effizienten Windantriebsanlagen gilt. Was sie  mehr an Segelleistung bieten geht wohl an
Romantik der Seefahrt verloren. Ich hoffe für die Zukunft, dass wir die optimale Nutzung der Windenergie auf grossen Schiffen  etwas nüchterner sehen. Wenn ich hier über moderne Grosssegler spreche, dann meine ich die drei Segelschiffe der Star Clippers  Reederei in Monaco, die unter Luxemburg Flagge segelnden Viermast- Barkentinen Star Flyer und Star Clipper sowie das Fünf-Mast- Vollschiff  Royal
Clipper.


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Da ist noch die Sea Cloud II, die wahrscheinlich nach einem ähnlichen Konzept gebaut wurde.  Andere neue Grosssegler sind mir nicht bekannt, bestimmt gibt es mehrere Projekte. Die Viermastschiffe der  Klasse Wind Star oder die Club Med- Schiffe haben zwar Masten mit Segel daran, sie  dienen allerdings mehr der Verbesserung der Schiffssilhouette als dass man sie als Segler bezeichnen kann.  Auf den
modernen Grossseglern sollen die Segel den Hauptantrieb  gewähren. Sie wollen nicht Kreuzfahrtschiffe mit zusätzlichem  Segelrigg sein sondern vor allem Segelschiffe, die  zur Einhaltung des Fahrplanes auch mit Maschine  fahren können. Die modernen grossen Segler sind  in der Tradition der amerikanischen Clipper Schiffe  des 19.Jahrhunderts gebaut Die amerikanischen Clipper von  der Ostküste – ein
Ausdruck der Leistung und nicht des design oder des Riggs. Sie haben den Segelschiffsbau revolutioniert und das moderne Segeln beginnt mit dem Bau der schnellen Schoner und Clipper im 18. und 19. Jahrhundert. Ein ehrenvolles Prädikat, wenn das besonders schnelle Schiff als Clipper bewundert wurde.


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In der Tradition der Clipper lassen sich auch die schnellen  und grossen deutschen Tiefwassersegler einordnen, die um die Jahrhundertwende zum  20. Jahrhundert entstanden. Die berühmten P-Liner, Rickmers- und Vinnen Grosssegler.  Das Fünf-Mast-Vollschiff Preussen war der Höhepunkt dieser Serie und hat  gewiss Segel- Geschichte gemacht. Die PREUSSEN wurde gebaut als schnelles,  leistungsfähiges und
grosses Segelschiff für lange Reisen mit möglichst viel Ladung. Die 120 Meter  Länge in der Wasserlinie und 8 Meter Tiefgang brachten gute Lateralkräfte, ein  erstklassisches Segelschiff. Es ist berechtigt zu fragen, ob der Kapitän und die  Besatzung das Schiff immer im Griff hatten. Von einem der Kapitäne kommt  der Satz, dass die Preussen eher mit ihm gesegelt sei als dass  er sie gesegelt habe.
Wahrscheinlich gibt es für Segelschiffe eine Obergrenze in der Grösse, die mit konventionellem Rigg nicht überschritten werden kann. Die Preussen, ohne zusätzlichen Antrieb, hatte wohl diese Grösse erreicht. Gleiches ist auch von den Schonern bekannt. Damals waren die grossen Segler der Stolz des deutschen Schiffbaus und die Preussen ein herrliches Schiff, das den guten Ruf der deutschen  Seefahrt
mitgegründet hat. Ich zitiere Hamecher aus seinem Buch „Fünfmast-Vollschiff Preussen“: sie war „Endpunkt einer jahrtausendealten Entwicklung, auch das Grossartigste in der unabsehbaren Reihe von Segelschiffen überhaupt, dem stolzesten der Flying-P-Liner“. Ich wage nicht, dieses hohe Lob zu relativieren, wenn ich auch nicht ganz übereinstimme mit seiner Huldigung. In der Tradition dieser  berühmten
Schiffe gebaut, sollen die modernen Grosssegler von den majestätischen Vorbildern profitieren und in deren Zauber glänzen. Nicht nur der Ruf der Clipper und Flying-P Liner wird von den neuen modernen Seglern übernommen sondern auch der Flair der Mega-Yachten soll das Ambiente von vor hundert Jahren an Bord bieten.


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Mit der Anmut und der Schönheit eleganter Clipper und der Eleganz der grossen Yachten des frühen 19. Jahrhunderts wollen die modernen Grosssegler mit Tradition und anspruchsvollem, komfortablem Leben sich einen erfolgreichen Platz im Kreuzfahrtgeschäft erobern. Die Schiffe bieten an Deck angenehm viel Platz, auch die Aufenthaltsräume mit Bar und Bibliothek sind ausreichend gross. Im Restaurant können alle Gäste gleichzeitig Platz nehmen. Bevor ich zu Rigg und Segel komme, einige
schiffsbetriebliche Informationen. Die Geräuschabstrahlung im täglichen Routinebetrieb mit und ohne Maschinenantrieb ist fast gleich. Die Welle und die Hauptmaschine sind gut isoliert und fallen im Betrieb kaum auf. Der verstellbare Propeller lässt sich auf Segelstellung schalten.


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Star Flyer und Star Clipper, Viermast- Barkentinen, sind 111 Meter über alles lang und 70 Meter in der Wasserlinie. Die 3 000 m² Segelfläche reichen aus, das Schiff unter Segel schneller zu machen als mit Maschine. Die Maschinenfahrt liegt bei 10 Knoten, die bei Bft 5 leicht zu übertreffen sind. Die Vier-Mast- Barkentinen haben einen vollgetakelten Fockmast, den vorderen Mast - und Schratsegel am Gross- Kreuz- und Besanmast. Die beiden Fischermänner mit je 355 m² fallen da besonders auf. Schon
die Piraten in Westindien vor zweihundert Jahren haben diesen Schiffstyp gerne gesegelt. Sie können wie Schoner höher am Wind segeln als vollgetakelte Schiffe und sie sind leichter zu manövrieren. Vorteilhaft ist auch, dass sie weniger Besatzung zur Bedienung der Segel benötigen. Die Wende wird durch die back stehenden Rahsegel unterstützt, für grosse Segler ein Vorteil. Die Schratsegel reichen aus, das Schiff höher am Wind auch ohne die vorderen Rahsegel zu segeln. Allerdings liegt der
Segelschwerpunkt dann zu weit achtern und ich bekomme starke Luvgierigkeit, auch wenn der Besan nicht gesetzt ist.


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Der Tiefgang, etwa  6 Meter –  ein Kompromiss zwischen  guter Lateralstärke und  möglichst niedrigem Tiefgang, um in den Buchten nahe an den Strand zu kommen. Bessere Höhe am Wind als 55° bis 60°  sind nicht zu erreichen. Bei sanfter Brise ist das Schiff zu langsam, um wirklich Höhe zu machen und  bei mehr Wind baut sich schnell eine See auf,  die alle Versuche, in den Wind zu segeln,  vereitelt. Bei optimalen Windbedingungen und allen Segeln  gesetzt geht das Schiff bis  60° an den Wind. Wobei  man auf den Besan wegen des Segelschwerpunktes besser verzichtet. Sonst liegt das Ruder ständig 7° über, um geradeaus  zu segeln.  Bei halbem  Wind und  Bft 5  kommen die  Barkentinen leicht  auf 10 bis 12 Knoten. Ich bin einige Male bei starkem achterlichem Wind über 15 Knoten gesegelt. Ein Kapitän sagte mir, dass er auf  17 Knoten gekommen sei.  Im Mittelmeer kommt es  zu solchen Bedingungen, wenn  der Wind von Land mit 10  Windstärken weht und die See  niedrig bleibt. Die Schiffe verhalten  sich sehr ruhig in der See, die Stabilität bietet keine Probleme. Vorsicht ist geboten, wenn die Fischermänner stehen und der Wind böig weht.


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Royal Clipper ist 133 Meter lang über alles und 99 Meter in der Wasserlinie, Verdrängung etwa 5000 Tonnen, der Tiefgang liegt bei 6 Metern. Als Fünf-Mast-Vollschiff der Preussen nachempfunden, ist Royal Clipper sicher kein Replica eines Seglers von vor hundert Jahren. Die 5000 m² Segelfläche und Länge der Royal Clipper stimmen in etwa überein mit der Preussen, die Lebensbedingungen an Bord und die Ausstattung lassen sich nicht vergleichen. In den Broschüren wird gerne von einer „improved version“ – einer weiterentwickelten Wiedergabe der Preussen gesprochen.


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Die Preussen wurde gebaut als Schlechtwettersegler und hat sich hier besonders bewährt. Die Royal Clipper bevorzugt „the sunny side of the road“. Zwei Maschinen auf eine Welle mit Verstellpropeller bringen 11 Knoten Fahrt. Wie bei den Barkentinen erreiche ich diese Geschwindigkeit auch bei günstigen 4 bis 5 Windstärken. Optimal zum segeln sind 5 bis 6 Windstärken. Dann kommt das Schiff leicht auf 12 Knoten und mehr. Beeindruckend ist die Kraft, die man fast körperlich spürt. Royal Clipper legt sich nur wenige Grad auf die Seite und beschleunigt scheinbar schwebend – man kann sich diesem faszinierenden Eindruck kaum entziehen. Ich dachte, nach vielen Jahren Segeln auf den unterschiedlichsten Schiffen, nüchtern genug geworden zu sein – aber ich gebe gerne zu, dass ich hingerissen war.
Bei Halbwinds- und Raumschotskursen hervorragend, bei vorlichem Wind sehr mühsam. Relativer Wind von 65°, weniger ist nicht möglich und viel Fahrt mache ich dann auch nicht. Für einen unvoreingenommenen Zuschauer sieht das immer noch ganz gut aus, schaut man allerdings ins Heckwasser sieht man sehr schnell, wie stark das Schiff abdriftet. Mit zugeschalteter Maschine lässt sich einiges korrigieren. Auf den Barkentinen fällt das kaum 4 auf, denn die Schratsegel fangen erst an zu flattern, wenn der Wind direkt von vorn kommt, etwa unter 20°. Bei der Royal Clipper lässt sich da nicht viel manipulieren, denn back stehende Rahsegel lassen auch bei einem Laien keine rechte Freude aufkommen.


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Grundsätzlich ist zu sagen - komfortables Segeln ist wichtiger als hohe Geschwindigkeit unter
Segeln, aus vielen guten Gründen. Die Gäste erwarten ein ruhiges Segeln. Aufrechtes Segeln
kommt der erholsamen Seefahrt entgegen, es bleibt dem Kapitän überlassen, den richtigen
Kompromiss zu finden – immer unter der Prämisse der Freude und des Stolzes, ein grosses
Schiff unter Segeln zu erleben. Und der nächste Hafen soll pünktlich erreicht werden.


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¨ top - 26.09.2016 Artikel von Admin

Moderne Grosssegler -