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Kapitän Jürgen Müller-Cyran
Zusammenfassung eines Vortrages bei Technische Universität Hamburg-Harburg am
30.November 2001.


mueller-cyran.pdf
Kpt. Jürgen Müller-Cyran

Im Sommer waren bisher die drei Schiffe im Mittelmeer eingesetzt. Von Cannes, Civitavecchia und Athen fahren die Grosssegler je zwei unterschiedliche Wochen-Fahrpläne. Das Programm soll interessante Häfen, einsame Buchten mit Sandstränden und aufregendes Segeln bieten. Diese Angebote sind nicht immer ein Erfolg. Entweder ist Windstille über mehrere Tage oder Starkwind aus der falschen Richtung. Die Strände sind auch nicht traumhaft und einsame Buchten sehr rar. Glücklicherweise gibt es viel Geschichte und alte Kultur, interessante Ausflüge an Land gibt es reichlich. Der Mistral im westlichen Mittelmeer und der Meltemi in der Ägäis bringen auch Grosssegler an den Rand ihrer Möglichkeiten – nicht nur zur Freude der Segelfans. In der Wintersaison segeln Royal Clipper und Star Clipper über den
Atlantik in die Karibik. In drei Wochen Richtung Westen im Nordost-Passat eine anregende Segelreise. Sonniges Klima und palmenbestandene Sandstrände gibt es reichlich, exklusiv und einsam ist das schon lange nicht mehr. Auf westlichen Kursen zurück in das Mittelmeer muss ich weiter im Norden vorbei an den Azoren segeln, um hoffentlich eine Westwindlage zu erwischen. Der Fahrplan ist so gestaltet, dass man auch ohne Wind rechtzeitig ins Mittelmeer kommt. Star Flyer passiert den Suez Kanal ostwärts im Herbst und segelt durch die Rote See und den Indischen Ozean nach Südostasien. Während der Wintermonate weht an der Westküste von Thailand und Malaysia der Nordostmonsun. Optimale Segelbedingungen bei sanfter Brise und blauem Himmel. Die Rückreise zum Mittelmeer liegt zeitlich wieder zwischen
den Monsunen. Wie sieht so ein Tag aus als Passagier an Bord – nach einer hoffentlich ruhigen Nacht beginnt der Morgen mit etwas Gymnastik an Deck vor dem Frühstück. 10.00 Uhr lädt der Kapitän ein zur Captain`s Story Time. An Deck hinter der Brücke erklärt der Kapitän Wetter und Besonderheiten der Navigation und die Absichten des Tages mit den Höhepunkten des Programms. Inzwischen nähert sich das Schiff dem Hafen oder der Bucht, hoffentlich unter Segel, falls der Wind es zulässt. Ausschiffen, Exkursionen, Wassersport, bis zum Nachmittag, wenn gegen 17.00 Uhr wieder Segel gesetzt werden. Die Stunde vorm Dunkelwerden muss intensiv für Seefahrt und Segeln genutzt werden. Angeboten wird ein Kapitänsvortrag über Segeln und Navigation, falls der Captain will und kann. Der Kreuzfahrtdirektor
wirbt für die Exkursion am nächsten Tag. Nach dem Dinner trifft man sich noch mal an der Bar und freut sich über das spätabendliche Programm der Crew, die gerne ihre Talente demonstriert. Die Seetage bei der Überführung bringen mehr Ruhe und seefahrtsbezogene Unterhaltung. Die Kapitäns Story wird länger, aufgefüllt mit Themen aus der Navigation oder Ozeanographie, Segelinformationen und Erläuterungen zu den aktuellen Segelbedingungen. Ein Navigations- oder Segelexperte bietet täglich Vorträge an über Astronavigation, die Grundlagen des Segelns und ähnliche Themen. Interessierte können sich im Tauchen ausbilden lassen.

Entscheidend ist nicht so sehr das perfekte Unterhaltungsprogramm als vielmehr die Atmosphäre an Bord. Das Gemeinschaftsgefühl des Segelschiffsbesatzung soll kreiert werden. Crew und Gäste sollen sich als ein Team fühlen. An Bord eine Gruppe zu bilden mit den Passagieren soll nicht heissen, dass sie morgens gemeinsam das Deck waschen sondern informiert werden über das Tagesgeschehen. Warum nicht alle Segel gesetzt sind und auf welchen Kursen wir uns der nächsten Insel nähern.

Die offene Brücke kann jederzeit betreten werden, das Steuerhaus mit den vielen Geräten und Kontrollelementen und der Seekarte ist auch offen. Die Fahrgäste kommen von den USA und Europa, die Sprache an Bord ist Englisch. Die Altersstruktur geht von jung bis hohes Rentenalter. Alle sind an Bord, weil sie auf einem grossem Segelschiff fahren wollen. Das heisst nun nicht, dass das Schiff immer unter Segel sein muss. Für viele Gäste reicht es, wenn morgens und abends je etwa eine Stunde gesegelt wird. Während die Segelfans natürlich das Schiff auf See ständig unter Segel sehen wollen.


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Als Kapitän ist es auch meine Aufgabe, der Besatzung ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu geben, sie müssen stolz sein, auf dem Schiff fahren zu dürfen. Eine gute Atmosphäre und vernünftige Lebensbedingungen an Bord sind wichtig. Happy ship – efficient ship, die Passagiere spüren sehr gut, wie die Stimmung der Crew ist. Locker und kompetent, aufmerksam und freundlich, der Gast soll sich sicher und individuell betreut fühlen. Das gilt umso stärker auf dem grossen Segelschiff. Die heterogene Gruppe der Passagiere stellt ebenso vielfältige Forderungen. Segelmanöver bringen Gemeinschaftsgefühl, Mann über Bord unter Segeln oder eine Wende/Halse sorgen für Unterhaltung und Diskussion. Besonders wenn es nicht klappt wie vorgesehen. Bei schwachem Wind und ruhiger See werden Tender und Schlauchboote zu Wasser gebracht und alle Segel gesetzt. Das Schiff unter Segeln zu fotografieren aus allen Blickwinkeln vom Boot aus ist ein Erlebnis. Währenddessen hofft der Kapitän und die Decks Crew, dass keine Bö Bewegung ins Schiff bringt. Mit allen Segeln hoch und ein Winddrücker mit Bft 4 beschleunigt das Schiff schnell auf 8 – 10 Knoten, bevor der Grosssegler in den Wind gedreht werden kann. Segeln als Abenteuer, unter komfortablen Bedingungen – die Erwartungen gehen weit auseinander. Einige Gäste fragen täglich nach Sturm und hoher See, weil sie nur dann so richtig die Dynamik der Seefahrt geniessen können. Andere beobachten jede Wolke am Horizont mit ängstlichen Blicken. Regen an Deck gilt als besonders lästig, glücklicherweise kommt das nicht sehr häufig vor. Der begeisterte Segler hätte gerne während des Tages die Reling unter Wasser und am Abend eine Kerze auf dem Tisch. Um den Fahrplan einzuhalten, muss auch unter Segeln häufiger die Maschine laufen. Das wird klaglos akzeptiert, denn an der rechtzeitigen Ankunft sind all interessiert. Natürlich gibt es auch hier die Ausnahmen, die am liebsten eine Woche nur segeln. Da der Kapitän an Deck und auf der Brücke jederzeit ansprechbar ist, muss er zu jeder Anregung und Frage die passende Antwort finden. Die Kombination von Abenteuer und Luxus macht die Reisen auf den modernen Grossseglern interessant. Exzellente Küche und aufmerksamer Service werden als selbstverständlich angesehen. Natürlich wird auf einem Segelschiff erwartet, dass auch gesegelt wird. Segeln ist zwar mehr als Staffage, muss aber nicht zum Hauptereignis werden. Das Konzept Kreuzfahrtsegeln auf modernen Grossseglern hängt ab von der Führung an Bord, vom Kapitän und seiner Besatzung, die den operativen Einsatz steuern. Die anspruchsvollen Angebote wenden sich an den normal situierten Passagier und nicht nur an die Handvoll Wohlbetuchter.

Einsatzgebiete sind weltweit die sonnigen und milden Küsten, the sunny side of the road. Es soll erschwinglich sein für viele und zu den schönsten Seegebieten dieser Welt führen, wo hoffentlich die Flotte der Kreuzfahrer nicht hinkommt.


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Segel setzen mit Gleichgesinnten vieler Nationen und unabhängig vom Alter hat immer seinen Unterhaltungswert, der auch so gepflegt wird. Ein happening wird es, wenn der Musiker mit dem Schifferklavier Shanties dazu spielt. Der Gast muss das Gefühl haben, dass man auf seine Wünsche eingeht, ein persönliches Verhältnis muss entstehen mit den Passagieren. Das gilt nicht nur für den Kapitän. Diese Atmosphäre zu kreieren, eine Stimmung von Aufmerksamkeit, Kompetenz, Freundlichkeit – bringt Vertrauen und die Passagiere fühlen sich wohl an Bord. Das Deck hinter der Brücke ist erhöht und man hat freien Blick über die Brücke, nach Voraus und zu der Segelpracht darüber. Auf Royal Clipper im Heck eingelassen ist die Plattform für den Wassersport. Dingisegeln, Wasserski, Bananaboot, kann von hier aus starten. Zwei Sporttaucher mit Ausbildungslizenz fahren mit den interessierten Tauchern zu ausgesuchten Korallenriffen und Steilküsten. Der Wassersport am Strand wird überwacht, Schnorchelausrüstung wird gestellt. Wenn die Bedingungen es erlauben und die Zeit ausreicht stoppen wir in See und schwimmen von der Gangway oder der Plattform. Diese Aktivitäten sind ein wichtiger Teil des Konzeptes und die Beteiligung ist gross. Die Verantwortung für die Sicherheit liegt natürlich, wie immer, beim Kapitän. Die Tender des Royal Clipper können wie Landungsboote an den Strand, bei einiger Vorsicht gelingt das auch den Tendern der Barkentinen. In Südostasien gibt es solche Traumstrände, leer und mit viel Natur. Natur pur, erst umweltfreundlich in die Bucht segeln und dann schwimmen im sauberen,
azurblauen Seewasser. Umweltschutz gilt mehr und mehr auch weltweit, schon das Sammeln von Korallen und Muscheln am Strand ist bei Strafe verboten. Darüber müssen die Passagiere informiert werden, die Küstenwache kommt an Bord und will keinen anderen als den Kapitän sprechen. Die architektonische Gestaltung unter Deck entspricht dem Geschmack der Jahrhundertwende, oder das, was wir heute darunter verstehen. Maritimes Ambiente mit Mega-Yacht Flair.


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Operativer Einsatz und Führung auf einem modernen Grosssegler – das Segeln ist gewiss die wichtigste und auch schönste Aufgabe. Die Passagiere fahren mit, weil sie das Schiff unter Segeln erleben wollen. Segeln allein reicht nicht aus zur Unterhaltung. Ein komfortables Leben an Bord, eine freundliche Atmosphäre und kompetente Schiffsführung soll den Gästen den Aufenthalt an Bord zu einem einzigartigen Erlebnis werden lassen. Die Erwartungen sind hoch, die Versprechungen der Hochglanzprospekte werden gerne und ohne Einschränkungen für wahr genommen. Der Kapitän und seine Besatzung müssen diese Hoffnungen in die Realität an Bord umsetzen. Enttäuschungen kann es da schon mal geben, wenn statt der versprochenen Sonne es für längere Zeit regnet, der Wind aus der falschen Richtung weht und die Klimaanlage zu kalt oder zu warm ist und der Tee nicht den Vorstellungen entspricht. Hier immer am Ball zu bleiben, zu korrigieren und zu informieren, eine attraktive Reise zu bieten – ist oberstes Ziel der Bemühungen. Der Erfolg des operativen Einsatzes orientiert sich auch an der Zuverlässigkeit der Schiffsführung und der Sicherheit an Bord. Bauliche und technische Voraussetzungen sind das eine, die Umsetzung der internationalen Bestimmungen zum Schutz des Schiffes und der Menschen an Bord die ergänzende tägliche Arbeit.


¨ top - 27.08.2009 Artikel von admin

Operativer Einsatz, Führung -